Visionen und Visualisierungen

Ein Stauwerk erzeugt Strom und wird mit einer gewissen Selbstverständlichkeit betrachtet. Doch auf dem Gebiet des Bauwerks befanden sich früher Menschen, Felder, Weiden, Tiere und Pflanzen. Die Gebiete der Stauseen waren meist seit langer Zeit bewohnt, häufig genutzt und belebt.

Stauanlagen betreffen somit AnwohnerInnen, Gebäude, Dörfer und Grundstücke. Alpine Stauwerke befinden sich häufig auch an Orten, die von Touristen, insbesondere Bergliebhabern, deren Anzahl seit Ende des 19. Jahrhunderts steigt, besucht werden.

Dörfer, Alpen und bewirtschafteter Boden

Das Projekt des Lago di Vogorno im Tessin betrifft mehrere Betriebe, Kastanienwälder, Gärten, Wiesen, Weiden, Weinberge sowie ungefähr 10 Familien und einen Teil des Dorfes Vogorno, dessen Post, Restaurant und drei Läden. In Graubünden verschwinden das alte Dorf Marmorera und der Weiler Cresta, als die Staumauer von Marmorera gebaut wird. 95 Gebäude, circa 50 Ställe und Dachböden, die Kirche, Schule und das Rathaus sind betroffen.

Das Dorf Marmorera vor der Sperre zwischen 1930 und 1955. Fotograf: unbekannt. © Archive Dicziunari Rumantsch Grischun.

Das Dorf Marmorera vor der Sperre. Fotograf: Ernst Brunner. © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

Zervreila vor der Sperre. Fotograf: Ernst Brunner. © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

Das Dorf Zervreila, die Bergweiden von Oberboden und Unterboden und viele weitere verschwinden durch den Bau des Stausees von Zervreila.

Zervreila vor der Sperre. Fotograf: Ernst Brunner. © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

Arbeit auf der Göscheneralp, zw. 1920-1950. © Martin Steiner, Alte Göscheneralp 2008.

Hütten und Almen im kleinen Tal von Barberine zwischen 1910 und 1920. Fotograf: André Kern. © André Kern, Médiathèque Valais – Martigny (018ph-01345).

Das kleine Tal von Barberine und die Hochebenen von Emosson und Salanfe wurden seit langer Zeit als Alpweiden genutzt. In Salanfe sind etwa zwei dutzend Alphütten und zwei Hotels direkt von dem Stauseeprojekt betroffen. Die Hochebene gehört den vier Patriziaten von Evionnaz, St. Moritz, Vérossaz und Massongex. Es handelt sich dabei um ideales, flaches Weideland, das umzäunt ist, und reichlich von Gebirgsbächen bewässert wird, was Winterreserven garantiert.

Alp von Salanfe, 1921. Private Sammlung von Nicolas Mettan, Evionnaz.

Salanfe, 1940. Die junge Marie Mettan (in Weiss) in Salanfe vor der Alphütte von Clovis Barman. Private Sammlung von Marie Mettan, Evionnaz.

Interview mit Marie Mettan (1928, geb. Jacquemoud), mit ihrem Mann Charles Mettan und ihrem Sohn Nicolas.

Die Alp von Salanfe vor dem See. Tonaufnahme: Pierrine Saini, 1. Mai 2015, Evionnaz.

Fotografie des Dorfes Botterens vor dem Greyerzersee. © Greyerzer Museum Bulle („Botterens – G – Vor See 085“).

Das Projekt des Stauwerks von Rossens und Greyerz betrifft eine Fläche von 10 km2, 13 Gemeinden, 150 BewohnerInnen, mehrere Bauernhöfe und vereinzelte Gebäude (64 Häuser, unter denen sich etwa 20 Wohnhäuser sowie Läden und Tischlereien befinden), zwei alte Brücken (die Brücke von Thusy und die Brücke von Corbières) sowie zahlreiche Weiden, Wiesen und Bepflanzungen. Der alte Staudamm von Thusy wird zerstört, bevor er unter Wasser gesetzt wird.

In der Voralpenregion des Wägitals, dessen BewohnerInnen hauptsächlich von der Tierzucht und der Holzwirtschaft leben, sind 32 Bauernhöfe, 35 Wohnhäuser, 70 Wirtschaftsgebäude und circa 100 AnwohnerInnen direkt vom Stauseeprojekt betroffen. Genauer: mehrere Weiler und Dörfer im Innerthal, eine Kirche, ein Pfarrhaus, eine Schule und ein Hotel. 1920 leben 336 Personen (48 Familien) in der Gemeinde Innerthal.

Tal vor dem Wägitalersee. Fotografie: Oetiker, Männedorf (www.digy.ch).

Sihltal vor dem See zwischen 1932 und 1937. Fotograf: Othmar Baur © Klosterarchiv Einsiedeln (1.0903.0002).

Im Sihltal sind 1’762 Personen existentiell vom Sihlsee-Projekt betroffen; davon etwa 500 Personen, die direkt auf dem Gebiet des zukünftigen Sees leben. Mehrere Torfmoore, zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe, 93 Wohnhäuser, 137 Scheunen und Ställe, 179 Torfstecherhütten und 14 weitere Gebäude, davon ein Sägewerk, Kapellen und überdachte Brücken verschwinden durch das Stauseeprojekt.

Sihltal vor dem See zwischen 1920 und 1937. © Klosterarchiv Einsiedeln (1.0903.0015).

Bauernfamilie, die in den Mooren arbeitet. Sihltal vor dem See. Fotograf: Karl Hensler, Einsiedeln. © Karl Hensler, Einsiedeln. In: Saurer 2002, S. 32.

Alpiner Tourismus

Bereits im 19. Jahrhundert werden die Alpen zu touristischen Attraktionen. Alpine Wanderungen locken immer mehr Menschen in die Berge.

Göscheneralp, zw. 1920-1955. © Martin Steiner, Alte Göscheneralp 2008.

Göscheneralp, zw. 1920-1955. © Martin Steiner, Alte Göscheneralp 2008.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts strömen Touristen in die Region von Barberine. Sie steigen auf die Hochebene von Emosson über den Geulaz-Pass auf oder den Pass von Barberine, um in der Hütte des Alpenvereins der Sektion von Jaman zu übernachten, und anschliessend auf die umliegenden Gipfel zu steigen. Diese Hütte und ein altes touristisches Restaurant werden überschwemmt, als das Wasser in den Stausee von Barberine geleitet wird.

Einweihung der Hütte des Alpenvereins CAS, Barberine, 1900. Die SBB kauft die Schutzhütte 1920; sie wird 1925 vom Stausee Barberine überflutet. © Ed. Georges Pilet, Médiathèque Valais – Martigny.

Wanderer in Salanfe zwischen 1910 und 1930. Fotograf: André Kern © André Kern, Médiathèque Valais – Martigny.

Salanfe profitiert bei städtischen Bürgern, Kulturschaffenden, Schriftstellern und Schweizer Intellektuellen von einer besonderen Aura der Bedeutsamkeit. Bergliebhaber, die ersten Alpinisten, entdecken Salanfe im 19. Jahrhundert. Der Waadtländer Schriftsteller und Dichter Eugène Rambert (1830-1886), berühmt für seine Berichte über die Schweizer Alpen, beschreibt die Schönheit von Salanfe und spricht 1860 von einem «Dorf des Sommers», einer Alp voller Leben mit hunderten von Alphütten rund um die Kapelle (Eugène Rambert, Les Alpes suisses, 1869, S. 249. Zitiert in: Mettan 1991, S. 5. Pierre-François Mettan korrigiert die Zahlen: Es gab 35 Almhütten und etwa 500 Stück Vieh). Der französische Bergsteiger Jean-Marie-Ferdinand-Emile Javelle (1847-1883) sieht in Salanfe ein irdisches Paradies, und zählt dort (mit einiger Übertreibung) 1’000 Stück Vieh. Die Intellektuellen der französischsprachigen Schweiz kommen zahlreich ins Wallis, und schätzen Salanfe als Ausgangspunkt für Spaziergänge in den Bergen.

Salanfe, Hôtel Pension des Dents du Midi, 1947. Postkarte aus der Sammlung von Nicolas Mettan, Evionnaz.

Werbung des „Hôtel des Dents du Midi“ in Salanfe. Baedecker Reiseführer (Ausgabe von 1929). Private Sammlung von Nicolas Mettan, Evionnaz.

Zwei Hotels stehen auf der Hochebene von Salanfe: L’Auberge de Salanfe (gegründet 1894, nach einer Weile umbenannt in «Hôtel de la Cime de l’Est» und «Hôtel de la Confrérie») und das Hôtel-Pension de la Dent du Midi, eröffnet 1898. Sie sind von Juni bis September geöffnet. Beide Hotels verfügen über etwa 30 Betten und befinden sich in rechteckigen Steinhäusern mit zweiseitigem Dach. Die Hotels schliessen Ende der 1940er, als der Staudamm gebaut wird.

Interview mit Marie Mettan (1928, geb. Jacquemoud), mit ihrem Mann Charles Mettan und ihrem Sohn Nicolas

Die Alp von Salanfe vor dem See. Die Landwirte und die Touristen. Tonaufnahme: Pierrine Saini, 1. Mai 2015, Evionnaz.

Gasthaus Mattli, Göscheneralp, zw. 1920-1950. © Martin Steiner, Alte Göscheneralp 2008.

Touristen und BewohnerInnen, Göscheneralp, zw. 1920-1950. © Martin Steiner, Alte Göscheneralp 2008.

Visionäre

Goethe ist der erste Visionär des Sihlsees: 1797, während einer Wanderung in der Gegend von Einsiedeln formuliert er in seinem Tagebuch das Potential, welches die Nutzung des Wassers der Sihl für die Region bringen würde:

«Rechts des Fusssteiges ist eine Art von natürlichem Wall, hinter dem die Sihl herfliesst. Dem ersten Anblick nach sollte es an einigen Stellen nicht grosse Mühe und Kosten erfordern, den Hügel mit einem Stollen zu durchbohren und so viel Wasser als man wollte zu Wässerung und Werken in die unterhalb liegende Gegend zu leiten; ein Unternehmen, das freilich in einem demokratischen Kanton und bei der Complication der Grundstücke, die es betreffen würde, nicht denkbar ist.» (Saurer 2002, S.13).

Der geplante Sihlsee. Bild von „W“, 1900. © Karl Hensler, Einsiedeln (Saurer 2002, S. 11).

Anfang des 20. Jahrhunderts, als die BewohnerInnen der Region von Einsiedeln vom Sihlseeprojekt hören, sind manche begeistert. Ein Maler entwirft 1900 den geplanten See. Eine Gravur des Bildes wird 1901 im Einsiedler Kalender publiziert.

Der Geograph Max Düggeli schreibt 1903:

«Das Sihltal präsentiert sich uns heute als langgestreckte, braungelbe, düstere Ebene, als tote Tiefe, die stellenweise von weithin sichtbaren Schuttfluren unterbrochen ist. Einen ganz andern Anblick wird die Gegend gewähren, wenn einmal der Stausee vorhanden ist. Während jetzt dieses hochgelegene, sumpfige Tal in keiner Jahreszeit das menschliche Gemüt zu erfreuen vermag, werden dann die so schönen, teils mit Weiden, Häusern und Hütten besäten Bergabhänge die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen und sie werden einen wundervollen Rahmen bilden zu dem an ihrem Fusse sich ausdehnenden See. Niemand wird sich die Moore zurückwünschen, wenn beim Aufgang der Sonne das Frühgold auf des Sees sanft gekräuselter Fläche erzittert und das klare Spiegelbild der benachbarten Bergriesen dem sinkenden Tagesgestirn das letzte Lebewohl zuwinkt.»

Ein anderer Visionär, Meinrad Liener (1865-1933), Mundartdichter aus Einsiedeln, sieht 1909 in seinen Träumen schon das «reine und blaue Wasser» des Sihlsees.

Zeichnung von Heinrich Meili Wapf und Armin Meili, Luzern, 1920. Archive CKW (Haag 2004, S. 31).

Auch das nicht realisierte Stauwerkprojekt in der Region von Urseren regt zu Imaginationen an – auf Seite der Opponenten wie auch der Befürworter. Auf der Zeichnung wird das neue Dorf Neu-Hospental dargestellt, welches das vom See überschwemmte alte Dorf ersetzen soll.

„Gruss vom Inner-Wäggital. Abschlussstelle, wo durch eine zirka 90 m hohe Sperre das ganze Tal unter Wasser gesetzt wird, um elektrische Kraft zu gewinnen“. 1920-1921. Quelle: www.waegitalersee.info

Diese Postkarte wurde kurz vor dem Bau der Sperre von Schräh (Wägitalersee) gedruckt, und illustriert die Überschwemmung des Tals.

«Sihlsee» (1909), Gedicht von Meinrad Lienert

Sihlsee

I gseh di lang scho i dä Träume
Sihlsee, Bärgwasser klar und blo;
und wien äs Lüftli chunnt cho fäume
äs Morgenäbeli dervo;
Und wie das a dä Tannebäume
ufstygt und äntli muess vergoh.
Das git ä See für mynesglyche,
wo gäre bloi Wasser hend,
und gäre tüend dur d’Stuude stryche,
wo still und heimli Rose stönd.
Wo’s Aug voll hend vo Zaubersprüche,
as d’Wasserfraue ufechönd.

O Seeli, villicht g’sehn is nümme,
wie d’spieglist mys grüen Heimedland!
Wie gääre köirti d’Gloggestimme,
wänn’s spoot druf g’speisted umenand.
Da wetti wyt driuse schwimme,
bis löscht im Härz dr Heiwehbrand.


(Meinrad Lienert, Schwäbelpfyffli. Gedichte. Band 1 : Dur d’Stuude us!, Aarau 1909)

esense GmbH