Nicht realisierte Projekte in Urseren und Rheinwald

Die starken Widerstände in Rheinwald (GR), in Surfers (GR), in Urseren (UR) und in der Ebene von Greina (GR-TI) (das jüngste Beispiel eines national unterstützten Widerstands, 1980) führten zum Abbruch verschiedener Stauwerkprojekte. Die abgebrochenen Projekte von Rheinwald und von Urseren zeigen viele Gemeinsamkeiten: sie wurden fast gleichzeitig gestartet, betrafen viele BewohnerInnen, sollten zur Überflutung mehrerer Dörfer führen und konnten durch starken Widerstand der Bevölkerung und durch den demokratischen Willen der Politik verhindert werden. Diese Beispiele illustrieren besonders gut die Grenzen der Technik sowie die Spannungen zwischen Tradition und Fortschritt. Sie führen ausserdem zu einer zentralen Frage: Berechtigt die Stromversorgung der Schweiz den Bau von Zentralen, die die Zerstörung ganzer Dörfer mit sich bringt (Haag 2004)?

Rheinwald

Rheinwaldprojekt. Fotograf: Ernst Brunner. © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

Protestschild gegen das Rheinwaldprojekt. Fotograf: Ernst Brunner. © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

1917 akquiriert die Motor-Columbus AG die Konzession für die Nutzung der Wasserkraft des hinteren Rheins im Ort Hinterrhein. Die Motor-Columbus AG will mit einem grossen, dreiphasigen Projekt 1942 die Hälfte der Schweiz im Winter mit Strom versorgen. In dieser Zeit steigt der Strombedarf und die Energie des Rheins soll genutzt werden (Bau der Talsperre im Rheinwald, der Fabrik von Surfers, der Talsperre von Surfers, der Fabrik von Andeer und der Fabrik von Sils). Die nationale Bedeutung des Projekts wird betont. Das Rheinwaldprojekt würde zur Überschwemmung des grössten Dorfs im Graubündner Tal, Splügen, führen. Die Umsiedlung von 430 BewohnerInnen wäre notwendig und ein neues Splügen ist über der Staumauer vorgesehen. Man verspricht den direkt betroffenen Landwirten Entschädigungen (circa 40’000 Franken pro BewohnerIn), neue Häuser und fruchtbare Erde. Das Konsortium der Kraftwerke Hinterrhein scheint alles zu tun, um die Umsiedlung der Bevölkerung zu erleichtern, und ihnen an einem anderen Ort eine gesicherte Existenz zu bieten. Doch die BewohnerInnen und Bauern wehren sich. Sie mobilisieren sich, treten energisch gegen das Projekt auf, und weigern sich, ihr Land zu verkaufen. Eine hitzige Kampagne beginnt, bei der es darum geht, die Heimat zu verteidigen, das Land zu schützen und gegen die Entvölkerung der Alpentäler anzutreten. Die Bauern des Tals halten solidarisch zusammen, auch wenn nicht alle vom Bau des Stausees betroffen sind. Die BewohnerInnen mobilisieren sich, um die Regierungsentscheidung des Kantons Graubünden zu beeinflussen, die 1944 stattfinden soll. Sie veröffentlichen eine Broschüre, und drehen einen Film, der die Schönheit des ländlichen Lebens anpreist.

Die Verteidiger des Rheinwaldstauwerks betonen bereitwillig die Opferrolle, die die BewohnerInnen des Rheinwalds zugunsten der Menschen der Ebene einnehmen müssen. Auf dem Flugblatt des Konsortiums steht: «Wenn Rheinwalder umziehen, erhalten alle Schweizer mehr Licht, Kraft, Wärme und Arbeit.» Archiv RW (Gredig et al. 2006, S. 204)

Als 1942 eine Abstimmung stattfindet, lehnen die Gemeinden Splügen, Medels und Nufenen einstimmig die Entschädigungsangebote ab, und verweigern die Konzessionsanfrage (die Wahlbeteiligung liegt bei 93%); ein Journalist kommentiert:

«Le résultat de ce scrutin n’est pas surprenant. La population du Rheinwald est tenace, endurante, profondément attachée à son sol […] elle ne compte que quelques centaines d’habitants, mais volontaires, indépendants, sûrs d’eux-mêmes» («Le Rheinwald a dit non», Journal de Genève, 15.08.1942).

Ein Bewohner berichtet wiederum:

«Wir sind ja Walser und bodenständige Leute. Die wollten ihre Heimat nicht verlassen. Die Entschädigungen wären verlockend gewesen, aber sie sind einfach standhaft geblieben und wollten ihren eigenen Boden bewirtschaften und nicht auf fremden Boden verpflanzt werden» («Stauseen: Dörfer Wasser.» Videoreportage von NZZ Format, 12.01.2003).

Die gesamte Schweiz nimmt an der Debatte teil, bei der sich materielle und moralische Elemente gegenüber stehen. Der Kanton unterstützt schliesslich den Willen der 430 BewohnerInnen. Die Entscheidung für die Erhaltung der Heimat und gegen den Bau einer Zentrale in Hinterrhein ist quasi einstimmig. Die Demokratie siegt über wirtschaftliche Lobbys und das Rheinwaldprojekt wird aufgegeben. Die Glocken der Kirchen von Splügen und Medels läuten am 26. November 1946 besonders lange, um die gute Nachricht zu feiern. Der Strom wird später über ein neues Projekt, das etwas weiter entfernt liegt – dem Stausee im Tal von Lei – produziert.

Urseren

Urseren. Fotograf: Ernst Brunner. © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

1920 wird ein grosses Projekt der CKW (Centralschweizerische Kraftwerke AG, die Kraftwerke der Zentralschweiz) der Öffentlichkeit präsentiert. Ziel des Projekts ist es, im Urserental (Uri) – der Drehscheibe der Alpen, einem historischen Ort und Anfang des 20. Jahrhunderts einem touristischen Zentrum – einen Stausee zu bauen. Der geplante See würde einen grossen Teil des Tals inklusive der Gemeinden Andermatt, Hospenthal und Realp unter Wasser setzen. Die Dörfer sollen auf einer höheren Ebene neu gebaut werden (man plant ein neues Andermatt und ein neues Hospenthal), und insgesamt 2’000 UrnerInnen müssten umziehen. Die Pläne und Bilder einer neuen, gesünderen und besseren Heimat werden den BewohnerInnen präsentiert. Doch sehr schnell zeigen die BewohnerInnen und die lokalen Behörden Widerstand. Das Projekt wird mehrmals überarbeitet, und reift während des zweiten Weltkriegs. 1943-1944 wird eine Staumauer vorgeschlagen, die drei Mal höher sein soll als die im Plan von 1920 (208 m) vorgesehene. Auch als Teil der geistigen Verteidigung des Landes soll das Urserenprojekt einen Grossteil des Schweizer Strombedarfs decken (ein Drittel der Schweizer Konsumation) und somit einen Beitrag zur ökonomischen Unabhängigkeit leisten, die während des Krieges gewünscht wird. Urseren muss wie Hinterrhein (Rheinwald) 1941 am Programm der SEV (Verband für Elektro-, Energie- und Informationstechnik) und der VSE (Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen) teilnehmen, die von der Regierung eine «ausgedehnte Planung» für den Bau von Kraftwerken in den kommenden 10 Jahren verlangt, um die Produktionslücke zu füllen (Haag 2014, S. 76). In der Geschichte der Energiepolitik der Schweiz wird häufig auch das Argument genutzt, dass Stellen geschaffen werden. Die zwei Regionen werden demgegenüber als widerständige Teile in einem Programm dargestellt, das den nationalen Interessen dienen soll.

Protestschild gegen das Projekt von Urseren, um 1945-1946. Im Tal wurden reichlich Schilder installiert. Fotograf: Ernst Brunner. © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

Unterstützt durch die Kirche, kommunale und kantonale Behörden wehren sich die BewohnerInnen mehrere Jahre vehement gegen das Projekt.

«Wir verhandlen nicht! Wir verkaufen nicht! Wir gehen nicht!» wird zu einer Devise der Opposition (Haag 2014, S. 98). Die Korporation von Urseren bildet den Kern des Widerstands gegen das Stauwerk. Sie gründet ein Aktionskomitee gegen das Projekt, das übrigens auch Beziehungen zu einer ähnlichen Initiative in Rheinwald unterhält, der «Pro Rheinwald». Als sie feststellen, dass die Vorarbeiten und Vorlaufstudien für das Projekt weiterlaufen, werden die BewohnerInnen immer empörter. 1945 führt die Korporation von Urseren eine Volksabstimmung bei allen BewohnerInnen des Tals durch. Das Resultat ist unmissverständlich: von insgesamt 1’124 Wählern sind 1’088 gegen das Projekt, 0 sind dafür und 36 haben sich der Stimme enthalten. Die Spannungen steigen, als bekannt wird, dass das technische Projekt der Zentrale von Urseren fertig ist, und dass die Umsiedlung der Bevölkerung vorbereitet wird. In Folge einer Versammlung in der Pfarrkirche, die sehr stark besucht ist, plant man, eine Broschüre herauszugeben – Die Talschaft Ursern wehrt sich gegen das geplante Stauseeprojekt – und im Frühling 1946 eine Prozession zur Kapelle Maria Hilf zu organisieren, um das Tal zu schützen. Anfang des Jahres 1946 werden zwei Hotels der Region an die CKW verkauft. Der Ingenieur Karl J. Fetz, der Zuständige für die Vorbereitung des Umsiedlungsprojekts der BewohnerInnen ist häufig auf dem Gelände, und versucht, mehrere Kaufverträge für die CKW auszuhandeln. Da er eine der wenigen sichtbaren Personen ist, die mit dem Projekt zu tun haben, wird er zum Schuldigen und zum Feind aller, die sich gegen das Projekt wehren.

Am 19. Februar 1946 kommt es zu einem Wutausbruch – dem «Krawall von Andermatt» – und die BewohnerInnen greifen Vertreter der Werke an, insbesondere den Ingenieur Fetz und das Büro des Architekten, der die Pläne für das neu geplante Dorf Neu-Andermatt entworfen hat. Der Ingenieur wird von der wütenden Masse mit Faust- und Fusstritten traktiert. Der Tumult führt zum Eingreifen der Armee. Etwa 20 beteiligte Personen werden 1948 vor Gericht gestellt, angeklagt und freigesprochen. Im Mai 1946 wird das Projekt nach ein paar Versuchen fortzufahren und einer Konzessionsanfrage beim Kanton Uri durch die CKW (die Anfrage erhält mehr als 500 Gegenstimmen) endgültig aufgegeben. Das höher gelegene Projekt auf der Göscheneralp wird später zum Ersatz für das abgebrochene Projekt von Urseren. 10 Wohnhäuser sind betroffen, ein Pfarrhaus mit Kirche und Schule, ein Gasthaus und ein Hotel. Trotz Widerstands der BewohnerInnen wird die Konzession 1954 nach langen Verhandlungen an die CKW und die SBB vergeben. Die Arbeiten beginnen 1955, die Stauanlage wird 1963 eröffnet.

Bannalp : «Die Wasserkraft dem Volk !»

Der Stausee von Bannalp (Kanton Nidwalden) wird 1937 nach einer turbulenten Geschichte eröffnet. Im Gegensatz zum Fall von Rheinwald oder Urseren entsteht der Bau eines Stauwerks hier auf Wunsch der BewohnerInnen. In den 1930er Jahren spaltet die Frage, ob der Kanton Nidwalden ein kantonales Kraftwerk bauen soll, den Kanton in zwei unversöhnliche Lager; auf der einen Seite fanatische BefürworterInnen, auf der anderen GegnerInnen – «Bannalper» gegen «Antibannalper». Gewaltige politische Propaganda und langwierige bürokratische Kriege stehen vor dem Beginn der Bauarbeiten.

Alles beginnt 1905, als die Luzerner Gesellschaft EWLE (Elektrizitätswerk Luzern-Engelberg AG) ein Wasserkraftwerk in Obermatt eröffnet. Der Kanton Nidwalden nutzt den dort produzierten Strom, doch die KonsumentInnen beschweren sich: der Kanton bekommt keine Abgaben und keine extra Stromleistungen durch die EWLE. 1928 führt eine Vertragsveränderung zu einer Erhöhung der Strompreise. Daraufhin entsteht das Projekt Bannalp auf Initiative der BewohnerInnen. Diese nehmen ein altes Projekt wieder auf, das den Bau einer Zentrale und eines Stausees auf der Bannalp vorsah. Die BefürworterInnen des Staudamms führen mehrere Studien durch, und argumentieren mit der grossen Bedeutung eines unabhängigen Kraftwerks für den Kanton. Der Regierungsrat entscheidet wiederum, dass der Strom, der durch die neue Fabrik produziert wird, mehr kosten würde als der durch die EWLE gelieferte. Die GegnerInnen argumentieren vor allem damit, dass der Bau nicht finanzierbar ist, und stützen sich ebenfalls auf diverse wissenschaftliche Studien.

Der Konflikt führt zu einem wahren Staatsstreich; dabei wird die Funktionsweise der direkten Demokratie in einem polarisierten politischen Umfeld gut erkennbar. 1943 schlägt der Regierungsrat vor, den Liefervertrag der EWLE zu verlängern, und auf den Bau eines eigenen Stauwerks mit Stausee zu verzichten. In Folge einer von beiden Seiten stark geführten Kampagne erhalten die BefürworterInnen des Bannalp-Projekts die notwendigen Stimmen für die Durchführung. 1934 wird während einer besonders bewegten Landsgemeinde in Stans der Regierungsrat fast vollständig erneuert (von den 11 Regierungsräten werden 9 «Pro Stauanlage in Bannalp»-Personen gewählt). Doch eine wider die bestehenden Gesetze laufende Anordnung des Grossen Rats erschwert das Projekt, und facht den Konflikt erneut an. Die ProjektgegnerInnen starten eine Pressekampagne und erheben beim Bundesgericht Einspruch gegen das Monopol im Bundesrat. Die Landsgemeinde von 1935 endet damit, dass die Ergebnisse von 1934 bestätigt werden, und spricht dem Regierungsrat erneut die Verantwortung für die Durchführung des Projekts zu. Zwei Jahre später, nach einem lebhaften Streit bei der Landsgemeinde im Oktober 1936 gewinnen die «Bannalper» endgültig. Eine konstitutionelle Revision, die verlangt, dass die Abstimmung der Landsgemeinde selbst übertragen wird (und nicht vom kantonalen Parlament, dem Landrat, durchgeführt wird) wird angenommen. Viele der 3’000 anwesenden Bürger jubeln bei der Rede des gerade gewählten „Bannalper“ Vize-Landammanns und votieren für seinen Vorschlag, die Wasserkraft der Bannalp zu erschliessen. Ein Punkt der beschlossenen Tagesordnung legt fest, dass die «widerspenstige» Regierung sofort mit den Bauarbeiten beginnen soll («Houle en Nidwald», Gazette de Lausanne, 02.05.1935).

Das Bannalpprojekt ging im wahrsten Sinne des Wortes vom Volk aus. Viele NidwaldnerInnen sahen darin ein Symbol der Unabhängigkeit der BergbewohnerInnen, die sich gegen das Monopol der StädterInnen verteidigten. Eine Analyse der in der politischen Propaganda geutzten Bilder zeigt, dass historische Mythen der Befreiung eine grosse Rolle spielten.

2014 stellt ein Freilufttheaterstück den Kampf rund um das Bannalp-Projekt dar, «Der Kampf um Bannalp» (http://derkampfumbannalp.ch/).

Propagandaplakat der Befürworter des Bannalpprojekts. 1934. Quelle: Bannalperbote Nr. 15, 1934 (Schleifer 2013, S. 93).

Videoreportage

"Bereits früh geraten Kraftwerk-Projekte mit dem Landschaftsschutz in Konflikt. In den 1940er Jahren ist für den Bau des Rheinwald-Staudamms eine Überflutung der Ortschaften Splügen, Medels und Nufenen vorgesehen. Die ansässige Bevölkerung wehrt sich erfolgreich."

L Reportage des SF (Schweizer Filmwochenschau) „Rheinwald-Staudamm“, 31.03.1944, 3 Min. 42 S.

Das Scheitern des Projekts von Urseren hat mehrere Gründe: Widerstand der BewohnerInnen, Gefühl der Verbundenheit mit dem Tal, Kohäsion, Einheit, Übereinstimmung und Solidarität. Folgende Aussagen illustrieren dies.

K.D., Urseren «

Zusammengehörigkeitsgefühl. Es [das Stauseeprojekt] hat Kitt gegeben, unglaublichen Kitt gegeben für die Bevölkerung. Und es hat gezeigt, wie viel man erreichen kann, wenn man zusammensteht. Also sobald da andere Fronten gewesen wären, hätte das nicht gleich herauskommen können. Das hat das Volk zusammengeschweisst wie verrückt. Und das ist sicher auch lang bemerkbar gewesen und hat wieder eine gewisse Genugtuung gegeben, und eine gewisse Befriedigung und eine gewisse Verbundenheit zum Tal - und eine Stärkung. [ ... ] Ich glaube, es hat nie, oder fast nie, so eine Wahnsinnszeit gegeben, in der das Volk so zusammenstehen musste, wie damals. Interview mit K.D. (Pilgram 2004, S. 36, sprachliche Bearbeitung durch Pierrine Saini) »

X. R., Urseren «

[...] Man hat einfach gesagt: bis zuletzt wird da gekämpft, und zwar mit allen Mitteln.» Interview mit X. R. (Pilgram 2004, S. 56, sprachliche Bearbeitung durch Pierrine Saini) »

K. D., Urseren «

[...] Und das ist also sehr eindrücklich, wenn man das durchschaut, wie die Leute sich einheitlich gewehrt haben. Bis nach Basel hinaus ist man Vorträge halten gewesen, also mein Onkel und der damalige Talammann, sie sind sehr gut angekommen, und haben eigentlich das ganze Schweizervolk versucht umzustimmen, was sehr schwierig war in jener Zeit. Man hat Strom gebraucht. Man konnte nicht mehr importieren, Kohle und so weiter, das ist sehr schwierig gewesen. [...] Nur alle miteinander haben wir die Chance. Und es ist also schon - weit gegangen. Leute, die uns im Unterland geholfen haben und sich eingesetzt haben, haben zum Teil den Beruf, also ihre Stelle verloren. Und sogar in Bern oben hat es in einem Bundesamt einen gegeben, der uns sehr gut gesinnt gewesen ist, im Zusammenhang mit Rheinwald, der hat auch seine Stelle verloren. Interview mit K. D. (Pilgram 2004, S. 62-63, sprachliche Bearbeitung durch Pierrine Saini) »

Interview mit L. D. et A. R., Urseren «

Damals haben wir kämpfen müssen. [...] Durch unseren Kampf, den wir übrigens zusammen geführt haben auch mit denen von Rheinwald, da ist gleichzeitig auch ein Werk im Tun gewesen. [...] Wir haben uns dann auf die Devise geeinigt: Wir verhandeln nicht, wir verkaufen nicht und wir gehen nicht. Und so ist es dann zum Krawall gekommen. [...]. Persönlich bin ich immer der Meinung gewesen, dass wir im Recht sind, und dass eine Gewaltanwendung oder irgend so etwas gar nicht notwendig ist, und dass es meines Erachtens doch nicht möglich ist, dass man ein ganzes Tal mit drei Gemeinden einfach unter Wasser setzt gegen ihren Willen. Das – habe ich immer gedacht – ist nicht möglich, und das Recht ist auf unserer Seite.» Interview mit L. D. und A. R. (Pilgram 2004, S. 75, sprachliche Bearbeitung durch Pierrine Saini) »

Wenige Kilometer von der Schweiz entfernt: Der Reschensee

Nur vier Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt im italienischen Südtirol liegt der Lago di Resia (Reschensee). Er ist bekannt für seinen Kirchturm, der aus der Wasserfläche herausragt (die Kirche des überfluteten Dorfes Guron). 1947 entscheidet ein Konsortium aus sechs Schweizer Elektrizitätsunternehmen (von denen mehrere mit dem Rheinwaldprojekt in Graubünden in Verbindung standen), die Folgen des gescheiterten Rheinwaldprojekts zu kompensieren, indem sie dem für das Resiaprojekt zuständigen italienischen Elektrizitätsunternehmen (Montecatini) einen Kredit von 30 Millionen Franken geben. Dieser Kredit ist in Form von Stromlieferungen an die Schweiz abzahlbar – ein Idealfall in einer Zeit, wo dort Strom im Winter fehlt. Die Behörden kümmern sich kaum um das Schicksal der vertriebenen DorfbewohnerInnen, die Entschädigungen sind lächerlich und der Ausgleich in Form von Land inexistent. In Italien haben Gemeinden ausserdem keine Möglichkeit, etwas gegen solche Entscheidungen zu unternehmen. Wunderschöne alte Häuser, die an die in Graubünden erinnern, werden überflutet. 181 Gebäude werden gesprengt, 500 Hektar von anbaufähiger Erde unter Wasser gesetzt. Ein neues Resia wird vom Konsortium Montecatini schnell erbaut, mit Häusern, die an die ehemaligen erinnern, doch so schlecht gebaut sind, dass niemand wirklich zufrieden ist. Kein einziges öffentliches Gebäude oder Schulhaus wird errichtet. 70% der BewohnerInnen verlassen die Region. Ein Redakteur des Schweizer Heimatschutzes begibt sich vor Ort und berichtet auf ergreifende Weise:

«Une visite à la seule Suissesse de Graun [Guron] nous a particulièrement impressionnés. À 83 ans, on a passé l’âge des transplantations. Obstinément, résolument, elle est restée dans sa maison. Lors de la constriction de la nouvelle route près du lac artificiel, des fragments de rochers ont crevé son toit. Puis l’eau a envahi sa cave, son escalier ; l’aïeule est montée s’installer au premier étage. De là au second. Si c’est nécessaire, elle ira coucher au grenier, avec ses poules. On ne l’aura pas !»
Le journaliste constate que «la responsabilité des entreprises suisses dans cette violation des droits les plus élémentaires est indéniable»
(Laur 1949, S. 115 und S. 118).

Ein weiterer Journalist stellt 2010 fest:

«Was am Reschen passiere, stehe in krassem Widerspruch zur Praxis in der Schweiz, wo bei Umsiedlungen ein rechtzeitiger Realersatz selbstverständlich sei, etwa beim Sihlsee im Hochtal von Einsiedeln und in Marmorera an der Julierpassroute» (Frischknecht 2010, S. 38).

In dieser Angelegenheit scheint die Schweiz mehr an den Kilowattstunden als an den Schicksalen der Menschen aus dem Reschental interessiert gewesen zu sein. Der Kirchturm aus dem 14. Jahrhundert, der aus dem Wasser hervorragt, wurde Symbol für die Ungerechtigkeit, die die BewohnerInnen erlebt haben.

Videoreportage

Vergleich zwischen den aufgegebenen Projekten von Rheinwald und von Sufers mit dem des Reschensees in Italien.

L «Stauseen: Dörfer Wasser». Reportage von NZZ Format, 12.01.2003, 30 Min.
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