Verhandlungen, Vernehmlassungen, Abstimmungen

Umstrittene Projekte

Wasserquellen werden im Verlauf der Moderne nach und nach zu Goldgruben. Die Eigenschaften des Wassers sind nie so umstritten wie im Laufe des 20. Jahrhunderts. In der Schweiz gehören die Wasserquellen den Kantonen. Sie können die Nutzung an konzessionierte Unternehmen weitergeben, oder das Wasser selbst nutzen. Die Nutzung der Wasserkraft hat Folgen: es kommt zur Enteignung von Dörfern und Regionen, die Landwirtschaft der betroffenen Gebiete leidet und es werden den Bauern grosse Opfer abverlangt. Die Abgesandten der Gesellschaften für Wasserkraft sind häufig gezwungen, lange und bittere Verhandlungen mit den AnwohnerInnen und BesitzerInnen der betroffenen Gebiete zu führen. Um die Bevölkerung zu beruhigen, werden Schadensersatz und finanzielle Entschädigungen versprochen.

In zahlreichen Gemeinden zeigen die Abstimmungen regen Widerstand gegen die Staudämme. Häufig stehen sich jahrelang zwei unversöhnliche Seiten gegenüber. Einerseits die BefürworterInnen hydroelektrischer Projekte, andererseits die GegnerInnen. Diese bezeichnen die BefürworterInnen als «gekauft» – ein nicht immer unbegründeter Vorwurf. Die Abstimmungsresultate werden in der Presse häufig wie ein Sieg für die Demokratie gefeiert.

Während des Zweiten Weltkriegs ein Stauseeprojekt zu entwickeln, bedeutet, landwirtschaftlich nutzbare Erde zu überfluten. Und das obwohl der «Plan Wahlen» die Vermehrung solcher Grundstücke verlangt. Kurz vor dem Bau der Staumauer von Rossens im Kanton Freiburg verbreitet sich 1943 ein Protestschreiben an den Grossen Rat. 511 von 4’750 Bewohnern der betroffenen Gebiete unterschreiben. Die Politiker zeigen sich mitfühlend, doch sie bleiben bei der Entscheidung, das Projekt im Namen der Allgemeinheit durchzusetzen. Ein Grossrat, der sich gegen das Projekt stellt, äussert sich wie folgt:

«Les gens de nos régions ont d’autres soucis que d’être amateurs d’amusements de plages. Leur programme est tracé et imposé par le plan Wahlen et par le ravitaillement du pays. Nos gens seront de vrais sinistrés qui s’en iront la mort dans l’âme, gardant contre ceux qui sont la cause de leur départ la rancune qu’ils ne manqueront pas de transmettre à leurs descendants. Rossens sera donc une étendue d’eau trouble et sale, un vrai cloaque de fange, de boue, terrain de prédilection pour les ennemis de notre santé.»

Der Regierungsrat antwortet ihm:

«Ce n’est pas en gaieté de cœur qu’on propose de faire disparaître sous le futur lac 10 km2 de terrain. Mais on doit admettre que l’intérêt particulier doit céder le pas à l’intérêt général. On a fait intervenir des considérations sentimentales qui ne devraient pas mettre en péril un projet intéressant l’ensemble de l’économie du pays.»

Die «Schiffbrüchigen» erhalten grosszügige Entschädigungen in Form von Land und Geld. 120 von 150 Personen entscheiden sich für die finanzielle Entschädigung, die insgesamt auf 5,6 Millionen Franken steigt. Ein zukünftiger «Schiffbrüchiger» schickt einen Miniaturfriedhof mit einer Kugel an einen Grossrat, der sich 1943 für das Rossensprojekt stark gemacht hatte. Ähnliche Miniaturen schickten französische Widerstandskämpfer in der Zeit der deutschen Besatzung ihren Gegnern (Grasser 2014, S. 68-69).

In Gemeinden, die viele Schulden haben, sehr arm oder sich sehr uneinig sind, formiert sich weniger Widerstand. In der Region des zukünftigen Sihlsees gehen weder Kantone, Bezirke, noch Gemeinden in Opposition, doch langwierige Verhandlungen sind notwendig, um die unangenehmen Folgen des Projekts zu verringern. Das Projekt wird von den meisten kommunalen und kantonalen Behörden als Chance für die verschuldete und arme Region gesehen. Konzessionsabgaben, ein Vorzugspreis für den Strom und der Bau diverser Strassen und Infrastrukturen durch den konzessionierten Konzern werden als Gewinn verstanden. Die BewohnerInnen sind sehr skeptisch, doch es kommt zu keinem wirkungsvollen Widerstand. Im Rückblick wird argumentiert, dass die Menschen durch ihre schwierigen und armseligen Lebensumstände unfähig waren, die Komplexität des Geschehens einzuschätzen und resigniert die Situation akzeptiert hätten (Saurer 2002, S. 68).

Manche Gemeinden können sich schlicht keinen Widerstand leisten. Marmorera ist ein typisches Beispiel. Es gab keinen Widerstand gegen das Stauwerkprojekt, das vorsah, das gesamte Dorf zu überfluten. Die 95 BewohnerInnen zählende Gemeinde ist gespalten, entvölkert, sehr arm, verschuldet, und wurde bereits zwei Mal unter Beistandschaft gestellt. Mehrere Häuser und Ställe sind verlassen. Als in der Kommunalversammlung von Marmorera 1948 abgestimmt wird, ist die Mehrheit für die Vergabe der Konzession zur Nutzung der Wasserkraft und für den Bau eines Stausees (24 Stimmen dafür; 2 dagegen). Die Stadt Zürich braucht Strom und die BewohnerInnen von Marmorera brauchen Geld. Somit erscheint die Vereinbarung passend. Die Aussicht, für den Verkauf ihres Landes Geld zu bekommen, ist für viele BewohnerInnen sehr verlockend. Im Fall von Marmorera handelt es sich um eine „Art von Enteignung zum Wohle der Allgemeinheit, eine Form der Enteignung, die dem Bau der meisten unserer Stauseen vorangeht“, formuliert es ein Journalist der damaligen Zeit („La ville de Zurich et les forces motrices grisonnes“, Journal de Genève, 23.11.1948).

Im Fall des Göscheneralpsees (Uri) erlaubt es 1951 ein Winter mit aussergewöhnlich vielen Lawinen, die einen Teil der Wohnhäuser zerstören, der CKW (Centralschweizerische Kraftwerke AG), die Hälfte des benötigten Landes zu kaufen, indem sie von der Angst und der Unsicherheit der Bevölkerung profitieren. Diese natürliche Katastrophe trägt entscheidend dazu bei, dass der Bau des Stauwerks gestattet wird, obwohl die Bevölkerung starke Vorbehalte hat.

Die «sture» und «eigensinnige» Bergbevölkerung, die sich eindeutig gegen das Projekt richtet, ohne jegliche Chance es zu verhindern, wird auf ergreifende Art im Roman Urwang (1954) des Schwyzer Schriftstellers Meinrad Inglin beschrieben: «

In einem Tal, das ersäuft werden sollte, haben die Einheimischen den Ingenieur mit seinem Projekt zum Teufel gejagt, du weisst wo, das hat gewirkt, und das tät’ s vielleicht auch hier. Und in einem Tal hat sich das Volk vor aller Öffentlichkeit gegen den Raubzug auf seinen Grund und Boden gewehrt, das hat auch genützt. In beiden Fällen haben die fremden Elektroherren den Schwanz eingezogen. (Lüthi 1995, S. 43) »

Videoreportage

Gieri Venzin, «Strom für Zürich: ein Requiem für Marmorera», 1997, 30 Min.

L Link zu einem Ausschnitt von «Strom für Zürich: ein Requiem für Marmorera», 1997, 06'21''

Audiovisuelle Reportage

«Bereits früh geraten Kraftwerk-Projekte mit dem Landschaftsschutz in Konflikt. In den 1940er Jahren ist für den Bau des Rheinwald-Staudamms eine Überflutung der Ortschaften Splügen, Medels und Nufenen vorgesehen. Die ansässige Bevölkerung wehrt sich erfolgreich.»

L Schweizer Filmwochenschau, «Rheinwald-Staudamm», 31.03.1944, 03'42''

Videoreportage

Vergleich zwischen den aufgegebenen Projekten von Rheinwald und von Sufers mit dem des Reschensees in Italien.

L «Stauseen: Dörfer Wasser», NZZ Format, 12.01.2003, 30'
esense GmbH