Symbole des Verschwundenen und kollektive Erinnerung

Einweihungsrituale

Wenn ein Stauwerk endlich fertiggestellt ist, werden verschiedene Rituale durchgeführt. Die Religion spielt eine grosse Rolle. Am 14. Oktober 1948 findet die Einweihung der Stauanlage von Rossens statt. Es sind Blaskapellen, Schüler, Vertreter aus Politik und Religion, Führungskräfte und Handwerker anwesend. Der Präsident des Grossen Rats, Gustave Roulin, verkündet:

«L’eau verte tranquille se marie aux prairies, aux pâturages de la Gruyère. Elle donne à ce pays un caractère de paix et de sérénité. La Gruyère pastorale, chantée par le poète, s’est enrichie d’un nouvel élément : le lac qui s’étale au fond de la vallée, le lac qui sera désormais, par ses reflets, comme l’image redite, frémissante, renversée de toute la Gruyère» (Gasser et al. 2014, S. 76).

Bischof Charrière eröffnet, begleitet von einem Abt (dem Seelsorger der Stauwerkbaustelle), die Prozession. Der Bischof vergleicht «cette accumulation d’eau, qui est une réserve d’énergie physique» mit dem «capital spirituel du pays». Er weiht, dem Ritual entsprechend, die Stauanlage «cette nouvelle machine à produire de la lumière», drei Mal. Die Weihung findet beim Damm und dem gestauten Wasser statt (Walter et al., S. 153). Der Präsident des Regierungsrats schneidet das Band durch. Nach dem «Cantique Suisse» findet eine Zeremonie statt, bei der das Stauwerk und das Seewasser geweiht werden. Nach einer Besichtigung der Anlagen gehen die geladenen Gäste zum Aperitif ins «Hôtel du Barrage».

Auch der Beginn einer Baustelle wird mit einem Ritual begangen. Es ist zum Beispiel allgemein üblich, den ersten Betonkübel zu segnen.

Segnung des Sees von Barberine durch Abt Joseph Mariétan, 1925. © Ed. Georges Pillet, Médiathèque Valais – Martigny (044phB0167b).

Sihlsee, Oktober 1937. Segnung der Staumauer des Sihlsees durch Abt Ignaz. © Klosterarchiv Einsiedeln (KAE, Foto 1.0701.0001).

Einweihung der neuen Staumauer, Sihlsee, Oktober 1937. Hans Staub. © Hans Staub / Fotostiftung Schweiz (Record Name : 1978.780).

Auszug aus dem Film «Der Traum vom grossen blauen Wasser. Fragmente und Fundstücke einer Hochtal-Geschichte» von Karl Saurer (1993)

Einweihung der Stauanlage und Segnung der Staumauer des Sihlsees.

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Erinnerungsrituale

Ist der Bau eines Stausees beschlossen und die Pläne konkretisiert, sind Reaktionen auf das zu erwartende Verschwinden von Orten unausweichlich und doch sehr unterschiedlich. Es folgen Beharren, Resignation, Auswanderung oder Initiative, zum Beispiel durch den Bau von Hotels für die zukünftigen Touristen.

Manche BewohnerInnen zeigen sich gleichgültig, sind zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt oder warten ab, was die Zukunft bringen wird. Andere dokumentieren minutiös ihre Umgebung mit Zeichnungen, Fotos oder Filmen und sammeln die entsprechenden Dokumente. Die Orte verschwinden zwar auf materieller Ebene, doch bleiben sie in den Erinnerungen der Einzelnen und des Kollektivs erhalten.

Josef Kälin-Küfer entscheidet sich, sein Tal durch eine Kohlezeichnung zu verewigen, als er erfährt, dass es überschwemmt werden soll. Kohlezeichnung von Josef Kälin-Küfer, 1934. Private Sammlung (Saurer 2002, S. 26).

Während der Bauvorbereitungsphase eines Stausees und nach seiner Fertigstellung erscheinen häufig Legenden und Geschichten rund um Wiederkehrer oder Geisterdörfer insbesondere in Verbindung mit Friedhöfen, Kirchen, Kapellen, Kreuzungen und anderen religiösen Symbolen.

Eine solche Legende ist am Greyerzersee bekannt. Die Arbeiter des Stauwerks von Rossens haben Kies in der Nähe eines Orts gesammelt, an dem 1348 während der Pest Tote begraben wurden. Knochenfragmente wurden somit mit dem Kies vermengt und beim Bau in den Staudamm integriert. Man sagt, dass in der Nacht die Seelen der Pestopfer in der Umgebung des Stauwerks spuken, und dass sie den Menschen vorhalten, sie in ihrer Ruhe gestört und ihre Überreste geschändet zu haben (Gasser et al. 2014 S. 59).

Für die «Schiffbrüchigen», die umgesiedelten Personen, erhalten Erinnerungsorte und Identität eine grosse Bedeutung. In Marmorera entscheidet man sich zuerst, den Friedhof zuzubetonieren, um die Toten unter Wasser zu begraben, beschliesst aber in letzter Minute, die Gräber zu exhumieren und den Friedhof umzusiedeln. Ein neuer Dorffriedhof wird auf einer höheren Stelle gebaut (neben dem neuen Dorf Marmorera; 2015 leben dort 43 Menschen). Der Friedhof wird zu einem wichtigen Ort der Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Viele umgesiedelte Menschen haben Mühe, sich an ihre neuen Wohnorte zu gewöhnen. Die ehemaligen Gemeinschaften zerfallen und es dauert manchmal lange, bis die Umgesiedelten neue Identitäten in ihrer veränderten Umgebung aufbauen können. Im Fall des Stauwerks von Rossens gibt die Idee, die Bevölkerung in die Namenswahl des neuen Sees zu integrieren, eine Möglichkeit für eine neue gemeinsame Identität. Bevor das Wasser in den See eingelassen wird, wird der See «Bassin d’accumulation de la Basse-Gruyère» genannt. Anrainer und Abgeordnete schlagen vor, einen passenderen Namen zu suchen und eine Presseaktion wird gestartet. Unter den vielen vorgeschlagenen Namen wählt der Regierungsrat den Namen «Lac de Gruyère». Diese Entscheidung wird von Presse und BewohnerInnen gut aufgenommen. Der Name vereint die von der Talsperre betroffenen Regionen. Man hofft ausserdem, dass der «Greyerzersee» die touristische Attraktion der schon für ihre Produkte, Schlösser und schönen Landschaften bekannten Region steigern wird.

Auszug aus dem Film «Der Traum vom grossen blauen Wasser. Fragmente und Fundstücke einer Hochtal-Geschichte» von Karl Saurer (1993)

Aussagen der BewohnerInnen zu ihrem Umzug und ihrem neuen Wohnort.

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Wie auch manche Bewohner des Sihlsees, haben «Schiffbrüchige» des Greyerzersees im Austausch schlechteres Land bekommen, oder aus Unwissen den Preis nicht gut verhandelt. Erinnerungsstücke wie alte Fotografien oder alte, für das neue Haus wiederverwendete Balken haben grosse Bedeutung für viele Betroffene und faszinieren auch nachfolgende Generationen. Das neue Restaurant Zervreila ist zum Beispiel mit Holz aus den ehemaligen Dorfhäusern gebaut.

Die religiöse Dimension spielt auch eine Rolle bei der Trennung vom verlorenen Land. In Marmorera versammeln sich am 9. Mai 1954 die BewohnerInnen für einen letzten Gottesdienst vor der Zerstörung des Dorfes in der Dorfkirche.

Letzte Messe durch den Domherrn Jean-Marie Boitzy in der alten Kapelle von Salanfe (Kapelle von Barmaz) kurz bevor das Wasser in den See von Salanfe eingelassen wird. © Archiv der Abtei von Saint-Maurice.

Interview mit Marie Mettan (1928, geb. Jacquemoud), mit ihrem Mann und Sohn, Charles et Nicolas Mettan

 Verlängern der Tradition in Salanfe. Der 15. August in Salanfe. Tonaufnahme: Pierrine Saini, 1. Mai 2015, Evionnaz.

Neue Kapelle von Salanfe. Der Bau wurde von den BewohnerInnen gefordert und durch den Konzessionär durchgeführt. © Fonds EOS, Médiathèque Valais – Martigny (photo n° 249phE014b016a).

Wie in Salanfe verschwindet auch in Emosson mit dem Bau des Staudamms eine Kapelle. Die neue Kapelle La Gueulaz wird der Trappistenabtei Notre-Dame-des-Neiges gewidmet und zwischen 1975 und 1976 als Ersatz für die alte Kapelle gebaut.

Auszug aus dem Film Der Traum vom grossen blauen Wasser. Fragmente und Fundstücke einer Hochtal-Geschichte von Karl Saurer (1993)

Am Sihlsee müssen die Kinder in der Schule einen Text aufsagen: «Exodus aus der Region des Sihlsees». Diese Übung trägt einen Teil zur kollektiven Erinnerung rund um die schmerzhafte Vergangenheit bei. In diesem Auszug erzählt eine Frau mit viel Gefühl von ihren Kindheitserinnerungen.

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Im zweiten Auszug des Films von Karl Saurer sieht man einen Auszug aus dem Theaterstück «Kampf ums Sihltal». Eine Szene in Willerzell, geschrieben von der Hausfrau Marie Fürst-Walker, Regie von Meinrad Gyr, ehemaliger Stauwerkwächter («Kampf ums Sihltal». Eine Szene aus Willerzell) wird aufgeführt. Auch dies ein Mittel, um kollektive Erinnerung rund um die Geschichte des Sihlsees zu erschaffen.

Einweihung und Installation einer Statue der Heiligen Barbara. Private Sammlung von Olivier Morard, Anzères (VS).

Für die ehemaligen Arbeiter der Staudammbaustellen ist die Erinnerung dieser Arbeitsepoche prägend, und kommt häufig zum Vorschein. Olivier Morard, ehemaliger Arbeiter auf den grossen Walliser Baustellen, hat 1980 die Vereinigung der ehemaligen Bergmänner und Handwerker der grossen Baustellen gegründet. Jedes Jahr feiert der Verein die Heilige Barbara mit Suppe, Messe, Blaskapelle und Chor. 2015 wurde eine kleine Kapelle mit einer aus Portugal stammenden Statue der Heiligen Barbara von Olivier Morard in der Nähe seiner Alp über Ayent installiert. Er hat ausserdem ein persönliches Museum in Ayent aufgebaut. Dort stellt er seine gesamte Fotosammlung, Figuren von Minenarbeitern, Lampen und Werkzeug (hauptsächlich von vor 1950) sowie Bilder und Statuen der Heiligen Barbara aus.

Interview mit dem ehemaligen Bergmann und Arbeiter auf den grossen Staudammbaustellen im Wallis, Olivier Morard (1934)

Das Fest der Heiligen Barbara heute. Der Verein der Minenarbeiter und Handwerker der grossen Baustellen. Tonaufnahme: Pierrine Saini, 16. März 2015, Ayent.

Weinflaschen zur Erinnerung der Staudammbaustellen im Wallis. Fotograf: Mathias Montavon. © Mathias Montavon, Genf

Der Friedhof des neuen Marmorera, eine Verbindung mit der Vergangenheit. Bericht von Serafin Luzio «

Der Friedhof ist zu einem Bindeglied zwischen damals und heute geworden. Alle Rückkehrer besuchen ihn, lesen die Schilder auf den einheitlichen Eisenkreuzen und jeder hängt seinen Gedanken nach (Mark 2005, S. 34). »

Extrait d'une pièce de théâtre sur l'histoire du Sihlsee: «Lutte pour la Sihltal». Une scène de Willerzell écrite par Marie Fürst-Walker, ménagère, et mise en scène par Meinrad Gyr, ancien gardien de barrage («Kampf ums Sihltal». Eine Szene aus Willerzell) «

- Femme A : Bonjour Josefine.
- Femme B : Bonjour.
- Femme A : Tu voulais aller voir les abeilles ou tu as le temps de t'asseoir avec nous? C'est bientôt la dernière fois.
- Femme B : Aujourd'hui, il vaut mieux dire grüezi, comme ces types étrangers de Zurich!
- Femme C : Tu veux dire que c'est uniquement leur faute si la Sihl va quand même être barrée?
- Femme B : À forte mesure, en tout cas! Regarde le temps qu'il fait! On dirait que le ciel pleure à cause de la disparition de notre Sihltal!
- Femme C : Tu as raison! Tout le monde s'en va. Jour par jour, une famille fait ses bagages et dit: adieu! Chaque jour, une maison disparaît, ou une étable, un arbre ou un buisson.
- Femme B : Et toi tu dis ça tout tranquillement! Moi, ça me met dans tous mes états! Le bon Dieu devrait venir chercher les Mythen et les jeter sur ces messieurs à Einsiedeln, jusqu'à ce qu'il ne reste plus une pierre de ces hôtels et qu'ils aient tous rejoint le diable là en bas, où ils devraient être!
- Femme C : Tu ne penses qu'à ça toute la journée, tu vas finir par dérailler.
- Femme B : Et pour finir, ils abattront encore mon saule, pour que les abeilles ne trouvent plus rien du tout!
- Femme C : Oui, oui, je le sais. Mais il faut que ça continue, Josefine. ça a toujours dû aller.
- Femme B : Oui, oui, à l'époque, un jour de novembre gris de 1926, les hommes de Willerzell sont rentrés complètement abattus. Et ceux d'Euthal et de Gross aussi. Meinrad, mon frère, a dit: ceux qui ont voté pour le lac ont levé les deux pattes.
- Femme C : Ceux du village ont pensé qu'ils pourraient alors remplir les hôtels et les autres ont pensé qu'ils pourraient vendre à ceux de là-derrière de la paille et de la tourbe chère, sans parler des patates... Meinrad Lienert a bien écrit dans un poème: «Les messieurs ont le lac dans la tronche».
- Femme B : Oui, oui, les messieurs ont le lac dans la tronche.
(Retranscription d’un extrait de la pièce filmée dans le film de Karl Saurer, «Der Traum vom grossen blauen Wasser», 1993) »

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