Einleitung

Versunkene Täler - neue Landschaften : Geschichte(n) der Stauseen in der Schweiz

Ein Staudamm steht für Energie, Kilowattstunden und Technik. Hinter, unter und rund um die ruhigen Gewässer der künstlich entstandenen Seen existiert allerdings auch eine Kehrseite der Medaille. Ein Staudamm bedeutet Widerstände, Verluste, Niederlagen und Leid. In China hat die gigantische Drei-Schluchten-Talsperre (1993-2009) die Existenz von Millionen von Menschen völlig verändert. Mehr als 1,3 Millionen BewohnerInnen des Yang-Tse Tals wurden zwangsumgesiedelt, als ein riesiger, 600 Kilometer langer Stausee gebaut wurde. Acht Städte wurden überflutet, 116 Dörfer verschwanden und mit ihnen hunderte kulturelle, historische und archäologische Orte. Eine Unternehmung diesen Ausmasses wirkt sich nicht nur auf das soziale und kulturelle Umfeld aus, sondern auch auf die Natur: Eingriffe in das Ökosystem werden vorgenommen, Pflanzen und Tierarten sterben aus, das Klima verändert sich.

In der Schweiz gibt es nichts Vergleichbares. Doch auch hier entstanden viele Staudämme nicht einfach in Gebieten, in denen weder Menschen noch Aktivitäten zu finden waren. Die Staudämme waren von Kontroversen, langen Verhandlungen und multiplen Akteuren umgeben. Die Schweiz beherbergt das bedeutendste Wasserreservat Europas – sie ist der Wasserturm Europas. Dieses grosse Potential an hydraulischer Kraft wird seit mehr als einem Jahrhundert genutzt, um Speicherkraftwerke und Laufwasserkraftwerke zu betreiben. Heute entsteht mehr als die Hälfte der in der Schweiz produzierten Elektrizität dank Wasserkraft. Strom ist einer der wenigen Werkstoffe, die die Schweiz exportieren kann.

Umsiedlung von Bauern am Sihlsee, 1932/33. Fotograf : Hans Staub. © Hans Staub / Fotostiftung Schweiz

Diese Website beschäftigt sich mit der Geschichte von Staudämmen und -seen in der Schweiz aus sozialer und kultureller Perspektive. Die Verwendung und Veränderung von Landschaften, die aus der energetischen Nutzung unterschiedlicher Landschaften hervorgingen, werden von sozialen Prozessen gerahmt, die gleichzeitig Individuen, Dörfer, Täler, Institutionen und die Gesellschaft als Ganzes betreffen. Wir wollen die sozialen und historischen Prozesse, die mit den Planungen und Ausführungen der grossen Staudämme in der Schweiz einhergingen, in ihrer Vielschichtigkeit vorstellen. Der Stolz auf die Genialität der Ingenieurstechnik beim Bau von Stauwerken ist ein wesentlicher Bestandteil der helvetischen Identität. Als zentrale Elemente der energetischen Erschliessung des Landes führen sie allerdings auch zu Protesten und Debatten rund um den Fortschritt und die Erhaltung der Landschaft. Die Reservate rufen Nostalgie und Gefühle des Verlusts hervor. Man denkt an verlorene Täler, Bauernhöfe, Maiensässe, Alpwiesen und Dörfer. Heute erscheinen die Betonwände immer mehr als historisches und kulturelles Erbe und stellen erstrangige touristische Attraktionspunkte dar. Verglichen mit der Atomenergie repräsentiert die Wasserkraft die Energie der Zukunft, eine erneuerbare Energie, die der Umwelt nicht schadet. Mit Unterstützung diverser audiovisueller Dokumente – Fotos, Bilder, Interviews, Filme und Radioaufnahmen – will die Website einen zeitgenössischen Blick auf die vielschichtigen Prozesse werfen, die zwischen Technologie, Natur und menschlicher Erfahrung stattfanden.

Etwa zehn Staudämme, alle zwischen 1920 und 1965 gebaut, werden vorgestellt. Es wurden Bauwerke gewählt, die aufgrund ihrer Lage im Umfeld von bewohnten Dörfern oder auf Bergweiden einen sehr starken Einfluss auf die BewohnerInnen und die Region hatten: der Stausee d’Emosson (Barberine, Vieux-Emosson, Emosson 1920-1972, VS), der Lago di Vorgorno (Talsperre Contra, 1965, TI), der Lai da Marmorera (1954, GR), der Greyerzersee (Bogenstaumauer Rossens, 1947, FR), der Lac de Salanfe (1952, VS), der Sihlsee (1937, SZ), der Wägitalersee (Gewichtsstaumauer Schräh, 1924, SZ), der Zervreilasee (1957, GR) und die Staumauer des Lago di Lei (1961, GR). Die präsentierten Projekte führten zu Zwangsenteignungen, Zerstörung von Gebäuden bzw. sogar ganzen Dörfern, zur Umsiedlung von BewohnerInnen oder zu besonders regen Protesten. Ausserdem werden wir zwei nicht realisierte Projekte präsentieren, namentlich ein Projekt im Urserental (1920-1946, UR) und in Rheinwald (1937, GR).

Die Website wird immer wieder erweitert und mit neuem Material ergänzt.

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Parlamentspräsident August Bettschart bezüglich des Baus des Stausees Sihlsee, 1931 (Saurer 2002, S. 84) «

Es ist [...] die grosse Kunst, zwischen Fortschritt und Beharrung, Technik und Ethik, Maschine und Mensch die gesunde Mitte einzuhalten. »

Definitionen

Speicherkraftwerke (auch Speicherbecken oder Stauanlagen genannt, wobei die Mauer oder Sperre das eigentliche Absperrbauwerk darstellt) produzieren Strom durch Schmelz- und Regenwasser, das in Stauseen gesammelt wird. Die Stauanlagen werden verwendet, um auf Spitzenverbrauch reagieren zu können. Sie können sehr schnell Strom produzieren und die notwendige Menge in das Netz einführen. Flusswehre oder Laufwasserkraftwerke nutzen die Flussströmung eines existierenden Flusses. Sie liefern Energie am laufenden Band, d. h. eine konstante Energie, die dank der ständigen Verfügbarkeit der Wasserressourcen zur Verfügung steht, und so eine stabile Basis für die Belieferung garantiert.

«Ein Absperrbauwerk wird als gross bezeichnet, wenn es mehr als 15 Meter hoch ist und 3 Millionen Kubikmeter Wasser staut.» Es gibt mehr als 450 000 davon auf der Welt, 22 000 in China und 144 in der Schweiz (Huot 2003).

Das BFE (Bundesamt für Energie) ist die Aufsichtsbehörde, die sich um die Sicherheit der Stauanlagen in der Schweiz kümmert. Es ist für die Aufsicht von 184 grossen Stauanlagen und 206 Staudämmen zuständig. Bei diesen Bauwerken gibt es 121 Betonmauern (66 Gewichtsmauern, 51 Bogenmauern, 2 Mehrfachbogenstaumauern und 2 Pfeilerkopfmauern), 68 Erd- und Steinschüttdämme und 17 Flusswehre. Die Höhe der Stauwerke von 25 Sperren ist höher als 100 Meter, 4 von ihnen sind höher als 200 Meter.

L www.bfe.admin.ch

Staudämme haben weltweit unterschiedliche Zwecke. In der Schweiz dienen sie hauptsächlich der Produktion von Elektroenergie. Die Wasserkraft ist die wichtigste Energiequelle der Schweiz. Ihre Nutzung deckt 56% des Strombedarfs des Landes ab und stellt 97% der erneuerbaren Energien bei Strom dar.

L www.swv.ch
esense GmbH