Der aktuelle Umgang mit den Kraftwerkbauten

Tourismus und Staudämme

Die Geschichte der Staudämme und die Geschichte des Tourismus sind eng miteinander verbunden. Der Bau von Talsperren mit ihren Zugangsstrassen hat viele Bergtäler aus ihrer Isolation befreit und sie für den Tourismus geöffnet. Begeisterte Wanderer, von der Technik Faszinierte sowie Liebhaber der Landschaft und des stillen Seewassers werden angezogen. Zahlreiche Touristen und BesucherInnen kommen zu den Stauwerken. Die Stauseen und die damit verbundenen Infrastrukturen (Kraftwerke, Tunnels, Höhlen, Züge und Seilbahnen) sind seit der Einweihung, manchmal sogar davor, zu touristischen Destinationen und Spazierorten für die BewohnerInnen der Region geworden. Diese Orte sind heute noch immer stark frequentiert. Parkplätze, Restaurants, Hotels, Souvenirläden und Campingplätze (Sihlsee) sind entstanden. Geführte Touren rund um die technischen, ökologischen und historischen Aspekte werden immer beliebter. Viele Staumauern, früher Symbol der Modernität, werden heute als Zeichen der Heimat oder sogar als Denkmäler bewundert.

Zahlreiche lokale Initiativen wollen dieses Erbe durch verschiedene Mittel erschliessen und erhalten, zum Beispiel über Ausstellungen, Lehrpfade und andere Veranstaltungen. Die Vereinigung des Pfads des Greyerzersees, gegründet 2007, verbindet die BewohnerInnen von 12 Seeufergemeinden, die Groupe E und zwei Entwicklungsfirmen. Ziel ist es, einen Pfad für Touristen rund um den See zu bauen. Der 45 km lange Pfad wird 2014 eröffnet, und führt an mehreren archäologischen und historischen Stätten vorbei. Auch am Greyerzersee wird 1996 die Assiociation de l’île d’Ogoz gegründet, um eine neue Sehenswürdigkeit zu zeigen. Dabei handelt es sich um die Ruinen eines Schlosses und einer Kapelle. Die Ruinen wurden restauriert und die Kapelle wird nun für Hochzeiten zur Verfügung gestellt. An anderer Stelle, auf dem Gebiet des Stauwerks von Mauvoisin im Wallis, ist ein Foto-Pfad entstanden, der «Sentier du barrage», der die Geschichte des Baus schildert. Der Pfad wurde 2012 von den Entwicklungsfirmen des Val de Bagnes kreiert. In Emosson sind mehrere thematische Wege rund um das Gebiet entstanden und der «Dinosaurierpfad» von Vieux Emosson stellt eine bedeutende touristische Attraktion der Region dar.

Eine Familie posiert während der Bauphase vor der Staumauer von Emosson, zwischen 1967-1973. Fotograf: Roger Dorsaz © Roger Dorsaz, Treize Etoiles, Médiathèque Valais – Martigny (081phC03a02-023).

Besichtigung des Staudamms in Salanfe durch die Mitglieder des Zeltlagers «La Cordée, Evolène», 1952 © La Cordée, Evolène. www.cordee.ch

Staudamm von Rossens, 1954. © Treize Etoiles, Médiathèque Valais – Martigny (081phC03a02-004).

Sonntäglicher Spaziergang am Staudamm von Rossens, zwischen 1948-1950. Fotograf: Charles Morel. © Charles Morel Musée gruérien Bulle (CM-10-15-1208).

Stauwerk von Rossens. Fotograf: Ernst Brunner © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

Staudamm von Rossens. Fotograf: Ernst Brunner © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

Die Begeisterung der BesucherInnen führt dazu, dass Hotelangebote entstehen. Häufig werden bestehende Strukturen (Barackenlager der Arbeiter, Berghütten) in touristische Herbergen umgewandelt. In Grande-Dixence wird beispielsweise der ehemalige Schlafsaal der Arbeiter in ein Hotel umfunktioniert.

In Salanfe erhält die Gemeinde Evionnaz 1954 eine Konzession, um eine Herberge mit 35 Betten (Auberge de Salanfe) in den ehemaligen Baracken der Baufirma aus Lausanne zu betreiben. Die Baracken werden 1951 zum Preis von 40’000 Franken gekauft. Doch ein in der Region geplanter Schiessplatz führt dazu, dass die Gemeinde die «Auberge de Salanfe» 1954 wiederum dem Unternehmen verkauft, das den Schiessplatz betreibt. Als Ende 1980 der Schiessplatz wieder aufgegeben wird, wird Evionnaz erneut Besitzerin des Gebäudes, heute die «Auberge de Salanfe».

Postkarte mit dem Staudamm, der Kapelle und dem See von Salanfe, 1962. Private Sammlung von Nicolas Mettan, Evionnaz.


Als Reaktion auf das touristische Interesse, die die Orte hervorrufen, sind zahlreiche Staudämme und -seen auf Postkarten abgebildet.

Bei der Stauanlage von Emosson ist die ehemalige Seilbahn Châtelard, die von der SBB gebaut wurde, um während der Staudammbaustelle die notwendigen Materialien und die Arbeiter zu transportieren, zu einer touristischen Attraktion geworden. 1973 hat die SBB entschieden, die Seilbahn abzubauen, doch eine 1975 gegründete Aktiengesellschaft beschliesst, die Seilbahn zu erhalten und eröffnet den Erlebnispark Châtelard. Zusätzlich wird ein kleiner Panoramazug wird zusätzlich gebaut. 1977 folgt die Installation einer eingleisigen Eisenbahn, um die Touristen an den Fuss der Staumauer von Emosson zu bringen. Die Eisenbahn wird 1991 durch den «Minifunic» ersetzt. Die Sehenswürdigkeit erhält 2015 den Namen «VerticAlp Emosson».

Der „Sprung 007“ an der Staumauer von Contra. Quelle: http://www.myswitzerland.com

 Der „Sprung 007“ an der Staumauer von Contra. Quelle: http://www.myswitzerland.com

Die im Tal von Verzasca für den Bau de Staumauer von Contra gebaute Strasse trägt stark dazu bei, dass mehr Touristen in die Region kommen. Seit den Dreharbeiten zum James Bond-Film Golden Eye im Valle di Verzasca wird das Bungeespringen von der Staumauer zu einer wichtigen Attraktion. Die Seite Myswitzerland.com beschreibt die Sehenswürdigkeit wie folgt:

«Laut weltweiten Umfragen ist es der beste Stunt der Filmgeschichte: Bonds Sprung von der 220 Meter hohen Verzasca-Staumauer im Film 'Goldeneye'. 007-Sprung oder Goldeneye-Bungee-Jump heisst denn auch der ultimative Adrenalinkick am Lago di Vogorno. (…) in der Mitte der Staumauer befindet sich die Sprunganlage, die höchste stationäre Bungee-Anlage der Welt. Für den 007-Sprung oder Goldeneye-Bungee-Jump ist eine Reservation unbedingt notwendig.»

Ein neuer See und ein neues Leben

Der Bau eines Stauwerks ändert das Leben der BewohnerInnen. Die Gemeinden erhalten von den Werken für Wasserkraft oft verlockende finanzielle Angebote. Wirtschaftlich betrachtet werden häufig die positiven Folgen hervorgehoben: Verbesserung der Lebensbedingungen, Wiederbelebung der Gemeinden, Diversifikation ihrer Wirtschaft (Öffnung für den Tourismus), Bildung von lokalen Arbeitsstellen, Entwicklung wichtiger Strassen, Befreiung der Dörfer aus der Isolation (Zufferey 2012, S. 40).

Der neue See verändert die Landschaft einer Region. Die BewohnerInnen gewöhnen sich daran, nehmen ihre Aktivitäten wieder auf oder entwickeln neue. Die Veränderung der Landschaft wird eingegliedert, die Seen werden bewundert, die Bevölkerung eignet sich die Ufer und Wasserflächen für Freizeitbeschäftigungen an.

Interview mit Marie Mettan (1928, geb. Jacquemoud), mit ihrem Ehemann und Sohn, Charles und Nicolas Mettan

Das Leben geht weiter. Rückkehr nach Salanfe nach der Überflutung der Alphütten. Tonaufnahme: Pierrine Saini, 1. Mai 2015, Evionnaz.

Sihlsee. Landwirt mäht vor dem neuen See. Fotograf: Hermann Lienert, Einsiedeln. © Marlis Schuller, Freienbach (Saurer 2002, S. 88).

Heu am Sihlsee, 1940-1950. © Klosterarchiv Einsiedeln (KAE, F4.0/90.1).

1938 erklärt ein junger Lehrer in Willerzell, einem Dorf am Ufer des Sihlsees, den Kindern:

«So, Buebe und Meitschi, jetzt simmer es Seedorf. Jetzt müend er alli lehre schwimme! Die Bergkinder schrien auf. Ins Wasser sollten sie steigen? Schwimmen sollten sie lernen?! Auch die Eltern reagierten mit Entsetzen. Sie packten ihre Mistgabeln und Reisigbesen und jagten den wahnsinnigen Schulmeister aus dem Dorf. Das Wasser war für die Taufe gut, einmal im Monat zur Wäsche und einmal im Jahr zum Baden — punctum. Aber in den See steigen, nein, das kam für einen guten Christenmenschen nicht in Frage!» (Saurer 2002, S. 174)

Die neuen Gebäude blicken auf den See und nach und nach gewöhnen sich die BewohnerInnen daran. Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann, der für eine Zeit in Willerzell wohnt, beobachtet, dass dort ein kleiner Hafen mit Bootsvermietung ensteht.

Wie auch die BewohnerInnen des Sihlsees brauchen die BewohnerInnen des Greyerzersees lange, um sich an den See zu gewöhnen. Der Greyerzersee hat die Landschaft der Region grundlegend verändert und aus Sicht des ehemaligen Präfekten von Greyerz hat er auch die Mentalitäten umgewandelt: die ehemaligen Bauern sind zu Seebewohnern geworden. Nun wird geangelt, gesegelt oder gesurft. Ehemalige BewohnerInnen von Pont-la-Ville erinnern sich, dass früher in der Region niemand schwimmen konnte, und dass die Eltern Angst hatten, ihre Kinder würden zu nah an den See gehen. 1952 ertrinkt der erste Mensch. Man hatte den Kindern gesagt, dass der See gefährlich sei, weil es aufgrund seiner Künstlichkeit Strudel gibt. In den ersten Zeiten wurden pro Jahr 2-4 Todesfälle durch Ertrinken verzeichnet (Gasser et al. 2014, S. 78, S. 106-107).

Baden im Sihlsee, 1950-1960. © Klosterarchiv Einsiedeln (KAE, F4.0/16.5).

Heute können sich die nachfolgenden Generationen ihre Region häufig nicht mehr ohne See vorstellen. Der See ist Teil der Landschaft geworden. Schwimmen, Angeln, Wassersport, die BewohnerInnen entwickeln mit Erscheinen des Sees häufig neue Freizeitaktivitäten.
Marie Mettan kennt Salanfe noch von vor dem See; sie hat dort auf der Alp gearbeitet. Sie hat gesehen, wie ihre Alphütte unter dem Wasser verschwand. Mit ihrem Mann und ihren Kindern kehrt sie im Sommer häufig an den neuen See von Salanfe zurück. In den 1960ern beginnt ihr Mann mit ihrem Schwager eine neue Freizeitaktivität: das Angeln. Im Rahmen eines Gesangverseins von Evionnaz hat Charles Mettan mehrere Ausflüge nach Salanfe unternommen. Marie Mettan, fast 90 Jahre alt, ist vor drei Jahren das letzte Mal nach Salanfe gefahren und durfte mit einer SeniorInnengruppe ausnahmsweise die Seilbahn benutzen, die normalerweise für die Öffentlichkeit geperrt ist (Interview, Mai 2015).

Der neue See ist manchmal auch Ziel der Kritik von Seiten der Bevölkerung. Die Schönheit eines Stausees ist nicht beständig. Wenn der Wasserstand niedrig ist, was jedes Jahr im Winter mehrere Monate lang geschieht, erscheinen Pflanzen und Abfälle und der See ist von einer Art Film bedeckt – die Berge reflektieren sich nicht mehr darin. Die Seeufer sind weniger schön und der Boden ist schlammig. Die BewohnerInnen beschweren sich häufig über diese desolate Landschaft. Man kritisiert zudem eine gewisse Gesundheitsschädlichkeit. Des Weiteren haben die BewohnerInnen Angst um die Sicherheit des Bauwerks. 1977 bekommen mehrere BewohnerInnen der Dörfer Gordola und Tenero, die sich unter dem Stauwerk von Contra befinden, Angst und packen ihre Koffer, als sie von dem Gerücht hören, dass der Damm zusammengebrochen sei – was sich als falsche Information herausstellt. 1964 allerdings, als der See von Vogorno zum ersten Mal gefüllt wird, erschreckt ein Grundwasserphänomen die BewohnerInnen: aufgrund der Füllung entstehen Reibungen im Gestein zwischen den Querspalten des Tals.

Kunst und Utopien

Die Staudämme und -seen inspirieren viele Künstler. 2013 wird ein Theaterstück über die Sintflut auf dem Staudamm von Marmorera gespielt.

Am Fuss der Staumauer von Mauvoisin (VS) kreiert der amerikanische Landart Künstler Michael Heizer ein imposantes Werk aus Eisenbögen, Tangential Circular Negative Line, die den Bogen des Staudamms und der alpinen Landschaft spiegeln. 2014 wird auf demselben Staudamm eine Ausstellung des belgischen Fotografen Geert Goiris, Prolifération, im Rahmen der Triennale für zeitgenössische Kunst organisiert.

Ausstellung von Geert Goiris auf dem Staudamm von Mauvoisin (VS), 2014. Fotograf: Robert Hofer. © Robert Hofer, Journal Le Temps.

Das Musée de Bagnes schlägt im Rahmen der Veranstaltung L’art en balade mehrere Ausstellungen auf der Staumauer von Mauvoisin vor (Robert Hofer 2011, Christian Lutz 2012, Huges Dubois 2013).

 Hôtel d’Emosson: un barrage à habiter. Bilder von Basile Zufferey. © Basile Zufferey.

Hôtel d’Emosson: un barrage à habiter ist das utopische Architekturprojekt eines Studenten der EPFL, Basile Zufferey. Ausgehend von einer Überlegung zur Entwicklung des Tourismus rund um Stauseen schlägt der Architekt einen neuen Typ Hotel vor, der die Staudämme – verstanden als «Kathedralen aus Beton» – nutzt und einbezieht.

Bild von Basile Zufferey. © Basile Zufferey

L Link zum Architekturprojekt von Basile Zufferey

Politik und erneuerbare Energien

Obelix trägt den Sihlsee auf seinem Rücken. Plakat der Aktion «Dr Sihlsee ghört i üs», 1987. Toni Ochsner, Einsiedeln, rec. Bruno Frick, Einsiedeln (Saurer 2002, S. 166).

Am 30. September 1987 endet die Konzession für den Sihlsee. Während 50 Jahren haben die SBB und die NOK (die Nordostschweizerische Kraftwerke AG) dank des Sees fast umsonst Strom produzieren können. Experten schätzen den damit gewonnenen Ertrag auf 15 Millionen Franken pro Jahr. Einsiedeln, das einen Teil der Konzession von über 20% besitzt, hat bisher 150’000 Franken pro Jahr erhalten, was nur 1% des Ertrags entspricht. Aus diesem Anlass wird die Aktion «Dr Sihlse ghört i üs» von den Parteien von Einsiedeln lanciert. Man ist empört, dass die Bergkantone und die armen Gemeinden nicht entsprechend entschädigt werden, und erhebt den Vorwurf, dass sich die SBB in Einsiedeln sozusagen gratis mit Strom versorgt. Das Bundesgericht entscheidet, dass der Sihlseevertrag um weitere 30 Jahre verlängert wird. Ein neuer Konzessionsvertrag muss 2017 verhandelt werden. Die Aktion «Dr Sihlse ghört i üs» zeigt, dass der Bau des Sihlsees im Gebiet von Einsiedeln zu Solidarität, Selbstbewusstsein und einer kollektiven Identität der Bewohner geführt hat.

Der Kanton Wallis ist der grösste Produzent von hydroelektrischer Energie der Schweiz. Doch nur 20% des dort produzierten Stroms bleiben in den Händen der WalliserInnen. Inzwischen will der Kanton die Kontrolle übernehmen und den eigenen Anteil auf 60% erhöhen. Es soll durch neue Verhandlungen ein Profit für den Kanton entstehen, wenn die etwa 40 Konzessionen an die gewährenden Gemeinden (etwa 140 Gemeinden erhalten Gebühren aus der Wasserkraft) fällig bzw. zurückgegeben werden, was 2040 der Fall sein wird. Solche Konzessionen werden normalerweise für 80 Jahre vergeben. Für die Neuregelung muss der Kanton Gesetzesänderungen durchsetzen. Zahlreiche Diskussionen zu diesem Thema finden derzeit statt.

Grosse Herausforderungen bei Umweltfragen stehen im Zentrum des wirtschaftlichen Zeitgeschehens. Staudämme stehen immer mehr im Mittelpunkt der Debatten. Seit den 1990ern sind mehrere Projekte zur Steigerung der Stärke der Wasserkraftwerke geplant. Die Energiestrategie 2050 des Bundesrats weist drei Hauptziele aus: Ausstieg aus der Kernenergie (die Kernenergie lieferte 2011 etwa 40% des Stroms), Förderung von erneuerbaren Energien und Senkung des Strombedarfs. Wasserkraft wird klar unterstützt. Dennoch sind die Schweizer Stauwerke vom Fall des Strompreises auf dem Weltmarkt bedroht. Grosse alpine Stauanlagen sind heute nicht mehr rentabel und den grossen Stromwerken fehlt das Geld. Die Preise sind nicht konkurrenzfähig, was zu Schwierigkeiten führt. Die grossen Stromwerke produzieren teurer als der Marktpreis (auf dem Markt liegt der Preis pro Kilowattstunde bei weniger als 4 Rappen, während die Produktionskosten der grossen Staudämme bei mehr als 8 Rappen stehen) und das Modell scheint nicht mehr nachhaltig. Ohne finanzielle Unterstützung durch den Bund sind die grossen Stauwerke auf lange Zeit nicht mehr überlebensfähig.

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