Leben und Arbeiten

Die Kräfte der Natur: eine gefährliche Arbeit

Auf den Baustellen herrscht ein rauhes Klima. Es ist staubig, die Sicherheit ist rudimentär, Erdrutsche, Unfälle, Tote, schwierige Arbeitszeiten und aufreibende Tätigkeiten machen die Arbeitsbedingungen und das Leben besonders schwer. Auf den meisten Baustellen ist die Ausrüstung der Handwerker primitiv. Manche haben nicht einmal Stiefel, wie sich ein Arbeiter des Sihlsees erinnert.

Die Baustelle mit dem dramatischsten Ereignis ist die von Mattmark (VS). Am 30. August 1965 um 17 Uhr 15 löst sich ein Stück des Gletschers von Allalin und stürzt auf die Baustelle von Mattmark im Tal von Saas im Wallis. 88 Menschen sterben, davon 57 italienische Saisonarbeiter und 23 Schweizer.

Beim Bau des Staudamms von Rossens sterben 12 Arbeiter und es geschehen zahlreiche Unfälle. Die Molasse ist brüchig und Erdrutsche sind sehr häufig. Ein Handwerker wird von einer Betonmischmaschine verschlungen, ein anderer unter Kies vergraben. 1954 streiken die Arbeiter und es wird beschlossen, dass sie 16 Rappen mehr pro Stunde erhalten.

Staumauer von Barberine. © Fonds privé Barberine, Médiathèque Valais – Martigny (photo n° 001phE1-142).

Interview mit einem ehemaligen Bergarbeiter auf den grossen Stauwerkbaustellen im Wallis, Olivier Morard (1934)

Eine Arbeit unter extremen Bedingungen: Bau eines Tunnels in 2’800 Metern Höhe, wo die Arbeiter während dreier Monate im Winter in einem Iglu leben. Baustelle P2 Arolla (Grande Dixence), 1953. Tonaufnahme: Pierrine Saini, 16. März 2015, Ayent.

Salanfe. Frühling 1948. Eingang zur Passage auf der Seite von Clusanfe. © Alpiq, Lausanne. Archives Mornex 209D.

Salanfe: Clusanfe, 2. Mai 1957. © Alpiq, Lausanne. Archives Mornex 209D.

Salanfe, 28.10.1960. © Alpiq, Lausanne. Archives Mornex 209D.

Salanfe, Orkan vom 28.10.1960. Zerstörung der Barackenlager von Clusanfe. © Alpiq, Lausanne. Archives Mornex 209D.

Leben und Arbeiten auf den grossen Baustellen

Der Bau von Stauanlagen, Umleitungen und Kraftwerken bedeutet fast immer eine grosse Veränderung im Alltag der Betroffenen. Er bringt Arbeit, Technik, Dynamik, neuen Wohlstand, neue BewohnerInnen, neue Infrastrukturen wie Strassen, doch manchmal auch Unannehmlichkeiten und Misstrauen. Die Bevölkerung einer Gemeinde kann sich in der Zeit der Baustelle verdoppeln. Meistens geht mit der Durchführung des Plans auch ein Aufeinanderprallen zweier Welten einher. Die Kontakte zwischen AnwohnerInnen und Fremden sowie Planern und Handwerkern sind vielfach. Die Tatsache, dass viele Bauernsöhne aus der Gegend Arbeit auf der Baustelle finden, führt manchmal dazu, dass die Menschen das Projekt eher akzeptieren.

Tausende von Handwerken werden angeheuert; man muss verschiedene Infrastrukturen in der Nähe des Stauwerks bauen: Barackenlager, Kantinen, Küchen, Büros, Läden, Werkstätten. Die grossen Baustellen bringen den Bau wahrer Dörfer für die Arbeiter mit sich. Seelsorger, Sicherheitsingenieure und Baustellenärzte ziehen ein. Eine Kapelle und eine Praxis werden gebaut. Eine Rettungsstrasse, ein Lawinendienst und ein Sozialdienst richten sich ein. Eine komplette, hochentwickelte soziale Organisation entsteht. Arbeiter aus allen Schweizer Kantonen und aus dem Ausland finden in einem multikulturellen Umfeld zusammen. Bis zu 1’500 Handwerker, die meisten aus Italien, werden zum Beispiel für den Bau des Lago di Lei angestellt, der insgesamt fünf Jahre dauert. Arbeit, Wohnplatz und Freizeitorganisation der Arbeiter sind Orte des Interesses, der Eifersucht oder der Abgrenzung. Die Arbeits- und Lebensbedingungen sind schwer: harte Winter, anstrengende Arbeitszeiten und -umstände sowie ein komplexes Gemeinschaftsleben.

Für den Bau der Stauanlage von Rossens kommen die bis zu 600 Arbeiter aus den Kantonen Freiburg, Wallis, Tessin, der deutschsprachigen Schweiz und Italien. Das Alter variiert zwischen circa 20 bis 40 Jahren. Wie bei den meisten grossen Baustellen wechseln sich zwei Mannschaften ab, die täglich 10 Stunden am Stück arbeiten, 6 Tage die Woche. Das Gehalt liegt zwischen 1,50 und 2,50 Franken pro Tag bzw. 350 und 580 Franken pro Monat. Alle 15 Tage erhalten die Arbeiter zusätzlich zum Sonntag zwei freie Tage.

Auf der Baustelle des Etzelwerks (Sihlsee) bekommen die Handwerker anfangs etwa 95 Rappen pro Stunde. Zahlreiche Arbeiter kommen aus dem Wallis und Zürich. Mehr als 600 Arbeiter sind insgesamt auf der Baustelle, doch die BewohnerInnen des Tals sind enttäuscht, da wenige von ihnen ausgewählt wurden.

Baustelle des Staudamms von Pfaffensprung in Wassen (UR). Fotograf: Ernst Brunner. © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

Interview mit einem ehemaligen Bergmann und Handwerker auf den grossen Stauwerkbaustellen des Wallis, Olivier Morard (1934)

Die Anfänge, die Gelegenheit der grossen Baustellen, der Traum vom Motorrad, die Arbeit und die Bezahlung. Tonaufnahme: Pierrine Saini, 16 März 2015, Ayent.

Barackenlager, Baustelle von Barberine. © Fonds privé Barberine, Médiathèque Valais – Martigny (photo n°001phE1-313).

Etwa 400 Handwerker wohnen im Barackenlager am Fuss der Staumauer. Die Arbeiter kommen hauptsächlich aus dem Wallis und Italien. Ein Heim für die Arbeiter wird eingerichtet; darin befinden sich eine Bibliothek und ein Kino.

Reportage «Wie leben die 650 Arbeiter im Marmorera», 10.11.1951. Quelle : E-Pics, the central image database of ETH Zurich (http://www.e-pics.ethz.ch/). © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_M01-0993-0014 / CC BY-SA 4.0

Staumauer von Rossens (FR). Fotograf: Ernst Brunner. © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

Staumauer von Rossens (FR). Fotograf: Ernst Brunner. © Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.

Auf der Baustelle ist Freizeit eine Seltenheit. Der ehemalige Arbeiter Olivier Morard aus dem Wallis erinnert sich, dass sie wenig freie Zeit hatten und viele Stunden arbeiten mussten. Dennoch werden durch das Unternehmen Skirennen veranstaltet. Das Aufkommen von Blaskapellen und Fussballplätzen ist im Wallis stark mit den grossen Staudammbaustellen verbunden. Manche Bauunternehmen kümmern sich sehr um die Freizeitaktivitäten ihrer Arbeiter. Auf der Baustelle der Grande Dixence zum Beispiel gibt es Animationsprogramme, einen Spielsaal, eine Bibliothek und ein Kino. Ausserdem wird eine Zeitung für das Personal veröffentlicht (Le Choucas). Diese wird als «Sprachrohr und Festiger der Gemeinschaft» gesehen (Papilloud et al. 1999, S. 17). Bei manchen Baustellen organisieren die Bergmänner Blaskapellen, Chöre und Fussballklubs; jedes Jahr wird ein Skirennen organisiert.

L Link zur Seite der Grande Dixence

Interview mit einem ehemaligen Bergmann und Handwerker auf den grossen Staudammbaustellen des Wallis, Olivier Morard (1934)

Auszug 1: Die Arbeit und die Freizeit, die Italiener und die Walliser. Tonaufnahme: Pierrine Saini, 16. März 2015, Ayent.

Interview mit einem ehemaligen Bergmann und Handwerker auf den grossen Staudammbaustellen des Wallis, Olivier Morard (1934)

Auszug 2: Das Leben auf der Baustelle. Tonaufnahme: Pierrine Saini, 16. März 2015, Ayent.

«Mineur, ton bonheur», den Bergmännern von Arolla und Cheilon gewidmetes Lied. Autor: P. Kaelin. Private Sammlung von Olivier Morard, Anzères (VS).

Ein Schriftsteller, P. Kaelin, ist zur Baustelle Dixence in Arolla gekommen und hat ein Lied der Bergmänner geschrieben, das ihr Leben und ihre Arbeit sehr gut beschreibt. Seitdem wird das Lied bei jedem Fest der Heilligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergarbeiter, in der Kirche gesungen.

Interview mit einem ehemaligen Bergmann und Handwerker auf den grossen Staudammbaustellen des Wallis, Olivier Morard (1934)

Die Bergmänner (Olivier und Charles Morard). Tonaufnahme: Pierrine Saini, 16. März 2015, Ayent.

Bild der Schutzpatronin der Berg- und Minenarbeiter, der Heiligen Barbara auf der Baustelle von Dixence von einem Handwerker an eine Barackenwand gemalt, 1955. Private Sammlung von Olivier Morard, Anzères (VS).

Interview mit einem ehemaligen Bergmann und Handwerker auf den grossen Staudammbaustellen des Wallis, Olivier Morard (1934)

Die Heilige Barbara und das Fest der Heiligen Barbara zur Zeit der Baustellen. Tonaufnahme: Pierrine Saini, 16. März 2015, Ayent.

Maurice Zermatten, L'eau de lumière. L'épopée de la construction d'un barrage, 1960 (S. 12) «

En quelques jours, sortent du sol des maisons, des bureaux, des cuisines, des magasins, des dépôts, des infirmeries, des auberges, une chapelle même. Des installations fabuleuses montent au ciel, des ponts géants courent de part et d’autre de la gorge, à cent ou deux cents mètres du sol : des wagonnets circulent sur des voies aériennes qui donnent le vertige. Les machines ronflent nuit et jour ; la nuit, d’immenses projecteurs éclairent le chantier et l’ombre des monstres de fer se prolonge jusqu’au glacier. »

Radioreportage

«Le 27 juin 1973, l’aumônier Guigoz raconte son combat pour le respect de la dignité humaine sur les chantiers de haute montagne. En l’occurrence au barrage d’Emosson, un complexe hydroélectrique franco-suisse composé des centrales de Châtelard-Vallorcine et de la Bâtiaz. Sur plusieurs chantiers du barrage d’Emosson, l’aumônier a pu observer et signaler des abus : aucun samedi de libre, des rotations extrêmes, le passage de centaines d’ouvriers, l’absence de loisirs. Certains ouvriers saisonniers sont prêts à faire plus d’heures, mais ils dénoncent des conditions de vie difficiles, voire inhumaines. L’aumônier souhaite par ses interventions donner un visage humain à la construction du barrage, jusqu’alors présentée d’un point de vue matériel et économique.»

L Reportage der RTS über die Baustellen von Emosson, 27.06.1973, 5 Min.

Audiovisuelle Reportage

"En 1973, une équipe de Temps Présent réalise un reportage sur les travaux de construction du barrage d'Emosson, un complexe hydroélectrique franco-suisse composé des centrales de Châtelard-Vallorcine et de la Bâtiaz. C'est également l'occasion de se pencher sur les conditions de travail et de la vie des ouvriers saisonniers italiens travaillant sur le chantier."

L Reportage der RTS über die Stauanlage von Emosson (VS), Temps Présent, 9.9.1973, 28 Min.

Film

Film Barrage, 1959. Une évocation des temps modernes, Roland Muller. «Par besoin d'argent, Mathieu Sierro décide de délaisser les terres qu'il cultive au profit d'un poste sur le chantier de la Grande-Dixence. Il découvre les conditions de travail harassantes des ouvriers et rencontre Guido Ponti avec qui il se lie d'amitié.» Dieser Film mit dokumentarischen und fiktiven Elementen ist auf der Baustelle von Grande-Dixence im Wallis gedreht worden.

L Film Barrage, 1959. Une évocation des temps modernes, Roland Muller, 1959, 44 Min.

Film

Montagne dominée, Claude Goretta, 1960. "Ce reportage met en lumière le travail difficile des ouvriers sur ce chantier d’altitude. Ce document présente également le creusement des galeries d’eau longues de plusieurs kilomètres sous les principales montagnes des Alpes valaisannes. Si les nombreuses machines ont allégé la souffrance des hommes, le travail en équipe de trois fois huit heures, tous les jours de la semaine, fut heureusement ponctué de moment de détente au bistrot du chantier. Un magnifique reportage de Claude Goretta."

L Film «Montagne dominée», Claude Goretta, 17.10.1960, 40 Min.
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